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Ulrike Niehues
Dr. Michael Schwager


Gemeinsamer Unterricht an der Gesamtschule Köln-Holweide

Der Gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf wird an der Gesamtschule Holweide seit 1986 als Fortführung des entsprechenden Schulversuchs der Peter-Petersen-Schule in Köln-Höhenhaus für den Bereich der Sekundarstufe I praktiziert. Gegenwärtig haben etwa 120 der insgesamt 1750 Schüler einen festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf in nahezu allen Förderschwerpunkten, von denen etwa die Hälfte zieldifferent unterrichtet wird. Dies bedeutet, dass in fünf bis sechs der insgesamt neun Parallelklassen eines jeden Jahrgangs der Sek. I der Gemeinsame Unterricht stattfindet und dass etwa 20 der insgesamt 170 Lehrkräfte der Schule Sonderschullehrer sind. Damit ist die Gesamtschule Holweide nicht nur die größte Schule des Landes, sondern sie führt auch den größten und einen der ältesten Schulversuche zum Gemeinsamen Unterricht durch.

Zu den günstigen Rahmenbedingungen gehört dabei sicherlich, dass die Schule schon vor Aufnahme des Gemeinsamen Unterrichts vielfältige Modelle einer innerschulischen Strukturierung, zur Schaffung überschaubarer Organisationsformen, zur Anbahnung und Förderung sozialen Lernens und zur Demokratisierung des Systems Schule entwickelt und erprobt hat. So werden jeweils drei Parallelklassen zu einem Team zusammengefasst, die von einem weitgehend konstanten Lehrerteam die gesamte Sek. I über unterrichtet werden. Dies ermöglicht gerade den Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf - aber nicht nur diesen - die für einen erfolgreichen Schulbesuch häufig erforderliche Überschaubarkeit, indem sich die Zahl der mit ihnen in direktem Kontakt stehenden Mitschüler auf 65 - 90 und der sie unterrichtenden Lehrer im Idealfall auf sieben beschränkt. Auch die Bildung relativ konstanter Tischgruppen, die geschlechts- und leistungsheterogen zusammengesetzt werden,  schafft zusätzliche Übersichtlichkeit und ermöglicht es jedem Schüler, sich entsprechend seiner Interessen und Fähigkeiten einzubringen. Da die Teams zudem relativ autonom agieren können, haben sich vielfältige Formen des Gemeinsamen Unterrichts und der Kooperation entwickelt, die allerdings alle unter der auch im Schulprogramm formulierten Maßgabe des Vorrangs der inneren vor der äußeren Differenzierung stehen. Die den GU-Klassen zur Verfügung stehende ca. 60% Doppelbesetzung wird also in großen Teilen auch für Formen des Teamteachings, für die zeitweilige Bildung unterschiedlich zusammengesetzter Lerngruppen und für eine vielfach im Klassenraum stattfindende individuelle Förderung genutzt. Die Lehrer für Sonderpädagogik übernehmen als reguläre Teammitglieder Teile des doppelt besetzten Unterrichts. Sie übernehmen aber auch Teile des Fachunterrichts und Klassenlehrerfunktionen. Das gemeinsame Lernen und Lehren ist die zentrale Säule des Gemeinsamen Unterrichts in Holweide.

Die zweite, sich insbesondere in den letzten Jahren stark entwickelnde Säule des Gemeinsamen Unterrichts in Holweide sind die vielfältigen Projekte und Vorhaben im Bereich der Öffnung von Schule, der ökologischen Umgestaltung und der Theaterpädagogik. Wir stellen fest, dass sich häufig gerade in diesen Bereichen eine «inklusive Pädagogik« im eigentlichen Sinne manifestiert, indem die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf entweder gar nicht als «besondere« Schüler in Erscheinung treten, oder indem ihr Anderssein oder ihre Behinderung bewusst und zugleich zwanglos zum Thema wird.

Dabei wurde aber auch deutlich, dass der Unterricht und die Teilnahme an Projekten der Ergänzung um spezifische Maßnahmen für die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf bedarf. Dies ist die dritte und ebenfalls vor allem in den letzten Jahren stark ausgebaute Säule des Gemeinsamen Unterrichts in Holweide. Sie betrifft zum einen Maßnahmen, die die immer noch starke kognitive Orientierung des Unterrichts um praktisch orientierte Tätigkeiten und gezielte Fördermaßnahmen ergänzen, die insbesondere für die zieldifferent unterrichteten Schüler dringend notwendig sind. Gemeint sind hier vor allem Lebenspraktische Übungen, Lesewerkstätten zum gezielten Erwerb der Kulturtechniken und Betriebsprojekte, in denen die Schüler der oberen Klassen an einem festen Wochentag unter arbeitsähnlichen Bedingungen zum Beispiel in einem Kaffee, einer Druckerei, einem Schwreibwaren-Shop, einer Fahrradwerkstatt oder in einem Reparatur- und Renovierungsservice arbeiten. Auch diese Maßnahmen sind zwar im Prinzip integrativ angelegt. Bisher arbeiten aber zumindest in den gleichzeitig zum Unterricht stattfindenden Betriebsprojekten vor allem Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf und vereinzelt schulmüde Jugendliche. Zu dieser dritten Säule des Gemeinsamen Unterrichts in Holweide gehören des Weiteren Maßnahmen, die es den Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ermöglichen, sich untereinander kennen zu lernen, sich auszutauschen und auch über intime oder beängstigende Dinge zu sprechen. Diesem Ziel dienen die Mädchen-  und die Jungengruppe. Nicht zuletzt gehören zu diesem Bereich die vielfältigen Therapien und Maßnahmen der Schulsozialarbeit, sowie die breit angelegte Berufswahlorientierung, die unter Koordination einer festangestellten Sozialarbeiterin die spezifischen Probleme des Übergangs in das Berufsleben langfristig zu klären sucht.

Zum Gemeinsamen Unterricht in Holweide gehört aber auch das Bewusstsein, dass eine ganze Reihe von Problemen nicht abschließend oder unbefriedigend gelöst sind. So stellen sich immer wieder die Fragen nach einem angemessenen Curriculum und nach angemessenen Methoden insbesondere für die zieldifferent zu unterrichtenden Schüler und für die Schüler mit dem Förderschwerpunkt der emotionalen und sozialen Entwicklung und im Weiteren nach dem Verhältnis von sonderpädagischer Förderung und allgemeinbildendem Unterricht. Auch die Frage nach einer breiteren Einbeziehung insbesondere autistischer und schwer mehrfachbehinderter Schüler wird immer wieder diskutiert. Es müssen auch sehr häufig langwierige Auseinandersetzungen geführt werden, wenn behinderungsspezifische Hilfsmittel oder Ausstattungsgegenstände angeschafft werden müssen, und auch die formale Stellung der Lehrer für Sonderpädagogik ist letztlich nicht befriedigend geklärt. Dennoch lässt sich feststellen, dass der Gemeinsame Unterricht ein integrierter Bestandteil des Unterrichts und des Schullebens an der Gesamtschule ist. Es besteht ein starker Wunsch der Gesamtschulkollegen, im GU zu arbeiten. Leider ist es aber bisher nicht gelungen, die Zahl der GU-Klassen weiter zu erhöhen, obwohl eine starke Nachfrage seitens der Schüler mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf nach Plätzen in diesen Klassen besteht und obwohl genügend Lehrer vorhanden sind, die diesbezüglich vielfältige Erfahrungen und Kenntnisse haben und die den Unterricht in diesen Klassen als erstrebenswert ansehen.

Ulrike Niehues; Michael Schwager

 

 

 

Ergänzung:

Gemeinsamen Unterricht an der IGS Holweide ab 2004/2005

Im Schuljahr 2004/2005 konnte die Zahl der aufgenommenen SchülerInnen und Schüler mit Förderbedarf auf 30 erhöht werden. Allerdings sind die Bedingungen für den Gemeinsamen Unterricht im Vergleich zu den Bedingungen im Modellversuch verschlechtert worden. Ab diesem Schuljahr erhöht sich die Klassenfrequenz auf 26 Die Zahl der Kinder mit Förderbedarf steigt von 4 auf 5 pro GU-Klasse. Die Unterrichtsstunden mit Doppelbesetzung sinken von etwa 66% auf 50%.

Die aktuellen Übersichten zur Verteilung der Förderschwerpunkte und der Rückschulungen entnehmen Sie den folgenden Tabellen.

Im Schuljahr 2004/2005 sind die Förderschwerpunkte in den einzelnen Jahrgängen wie folgt verteilt:

Jhg / Beh
GB
KB
SP
SB
SH
E
LB
schw.Mfb
autistisch
Sch/Jhg
5
1
5
3
1
11
9
30
6
3
5
3
6
5
1
22
7
8
1
9
3
21
8
1
4
1
9
6
3
21
9
2
4
2
9
2
1
20
10
5
11
3
19
11
1
2
1
4
12
1
1
13
1
1
Förder-Schwerpunkt
7
34
10
2
1
55
28
2
4
139
 
Anzahl der FörderschülerInnen insgesamt
139

Aufhebung des Sonderpädagogischen Förderbedarfs gem. VO-SF an der Gesamtschule Köln-Holweide
 
Rückschulung aus Jhg:
Förderschwerpunkt:
Rückschulungen
Schuljahr
5
6
7
8
9
10
LB
E
sonstige
sonstige
im Jahr :
2000 / 01
1
1
2
2
2001 / 02
2
2
2
2
4
2002 / 03
2
2
2
2003 / 04
1
3
2
2
2
6
8
  Summe aller Rückschulungen der letzten 4 Jahre:
16

Abkürzungen:
KB= körperbehindert;
LB=lernbehindert;
GB=geistigbehindert;
SP=sprachbehindert;
SB=sehbehindert,
SH=schwerhörig,
E=erziehungsschwierig,
schw.Mfb = schwer mehrfachbehindert.

Sch/Jhg = SchülerInnen pro Jahrgang

pageinfo: erstellt: 13.11.2003, aktualisiert:13.11.2003 (KRE)