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Gemeinsamer
Unterricht an der Gesamtschule Köln-Holweide
Der
Gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne sonderpädagogischem
Förderbedarf wird an der Gesamtschule Holweide seit 1986 als Fortführung
des entsprechenden Schulversuchs der Peter-Petersen-Schule in Köln-Höhenhaus
für den Bereich der Sekundarstufe I praktiziert. Gegenwärtig
haben etwa 120 der insgesamt 1750 Schüler einen festgestellten
sonderpädagogischen Förderbedarf in nahezu allen Förderschwerpunkten,
von denen etwa die Hälfte zieldifferent unterrichtet wird. Dies
bedeutet, dass in fünf bis sechs der insgesamt neun Parallelklassen
eines jeden Jahrgangs der Sek. I der Gemeinsame Unterricht stattfindet
und dass etwa 20 der insgesamt 170 Lehrkräfte der Schule Sonderschullehrer
sind. Damit ist die Gesamtschule Holweide nicht nur die größte
Schule des Landes, sondern sie führt auch den größten
und einen der ältesten Schulversuche zum Gemeinsamen Unterricht
durch.
Zu
den günstigen Rahmenbedingungen gehört dabei sicherlich, dass
die Schule schon vor Aufnahme des Gemeinsamen Unterrichts vielfältige
Modelle einer innerschulischen Strukturierung, zur Schaffung überschaubarer
Organisationsformen, zur Anbahnung und Förderung sozialen Lernens
und zur Demokratisierung des Systems Schule entwickelt und erprobt hat.
So werden jeweils drei Parallelklassen zu einem Team zusammengefasst,
die von einem weitgehend konstanten Lehrerteam die gesamte Sek. I über
unterrichtet werden. Dies ermöglicht gerade den Schülern mit
sonderpädagogischem Förderbedarf - aber nicht nur diesen -
die für einen erfolgreichen Schulbesuch häufig erforderliche
Überschaubarkeit, indem sich die Zahl der mit ihnen in direktem
Kontakt stehenden Mitschüler auf 65 - 90 und der sie unterrichtenden
Lehrer im Idealfall auf sieben beschränkt. Auch die Bildung relativ
konstanter Tischgruppen, die geschlechts- und leistungsheterogen zusammengesetzt
werden, schafft zusätzliche Übersichtlichkeit und ermöglicht
es jedem Schüler, sich entsprechend seiner Interessen und Fähigkeiten
einzubringen. Da die Teams zudem relativ autonom agieren können,
haben sich vielfältige Formen des Gemeinsamen Unterrichts und der
Kooperation entwickelt, die allerdings alle unter der auch im Schulprogramm
formulierten Maßgabe des Vorrangs der inneren vor der äußeren
Differenzierung stehen. Die den GU-Klassen zur Verfügung stehende
ca. 60% Doppelbesetzung wird also in großen Teilen auch für
Formen des Teamteachings, für die zeitweilige Bildung unterschiedlich
zusammengesetzter Lerngruppen und für eine vielfach im Klassenraum
stattfindende individuelle Förderung genutzt. Die Lehrer für
Sonderpädagogik übernehmen als reguläre Teammitglieder
Teile des doppelt besetzten Unterrichts. Sie übernehmen aber auch
Teile des Fachunterrichts und Klassenlehrerfunktionen. Das gemeinsame
Lernen und Lehren ist die zentrale Säule des Gemeinsamen Unterrichts
in Holweide.
Die
zweite, sich insbesondere in den letzten Jahren stark entwickelnde Säule
des Gemeinsamen Unterrichts in Holweide sind die vielfältigen Projekte
und Vorhaben im Bereich der Öffnung von Schule, der ökologischen
Umgestaltung und der Theaterpädagogik. Wir stellen fest, dass sich
häufig gerade in diesen Bereichen eine «inklusive Pädagogik«
im eigentlichen Sinne manifestiert, indem die Schüler mit sonderpädagogischem
Förderbedarf entweder gar nicht als «besondere« Schüler in
Erscheinung treten, oder indem ihr Anderssein oder ihre Behinderung
bewusst und zugleich zwanglos zum Thema wird.
Dabei
wurde aber auch deutlich, dass der Unterricht und die Teilnahme an Projekten
der Ergänzung um spezifische Maßnahmen für die Schüler
mit sonderpädagogischem Förderbedarf bedarf. Dies ist die
dritte und ebenfalls vor allem in den letzten Jahren stark ausgebaute
Säule des Gemeinsamen Unterrichts in Holweide. Sie betrifft zum
einen Maßnahmen, die die immer noch starke kognitive Orientierung
des Unterrichts um praktisch orientierte Tätigkeiten und gezielte
Fördermaßnahmen ergänzen, die insbesondere für
die zieldifferent unterrichteten Schüler dringend notwendig sind.
Gemeint sind hier vor allem Lebenspraktische Übungen, Lesewerkstätten
zum gezielten Erwerb der Kulturtechniken und Betriebsprojekte, in denen
die Schüler der oberen Klassen an einem festen Wochentag unter
arbeitsähnlichen Bedingungen zum Beispiel in einem Kaffee, einer
Druckerei, einem Schwreibwaren-Shop, einer Fahrradwerkstatt oder in
einem Reparatur- und Renovierungsservice arbeiten. Auch diese Maßnahmen
sind zwar im Prinzip integrativ angelegt. Bisher arbeiten aber zumindest
in den gleichzeitig zum Unterricht stattfindenden Betriebsprojekten
vor allem Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf
und vereinzelt schulmüde Jugendliche. Zu dieser dritten Säule
des Gemeinsamen Unterrichts in Holweide gehören des Weiteren Maßnahmen,
die es den Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf
ermöglichen, sich untereinander kennen zu lernen, sich auszutauschen
und auch über intime oder beängstigende Dinge zu sprechen.
Diesem Ziel dienen die Mädchen- und die Jungengruppe. Nicht
zuletzt gehören zu diesem Bereich die vielfältigen Therapien
und Maßnahmen der Schulsozialarbeit, sowie die breit angelegte
Berufswahlorientierung, die unter Koordination einer festangestellten
Sozialarbeiterin die spezifischen Probleme des Übergangs in das
Berufsleben langfristig zu klären sucht.
Zum
Gemeinsamen Unterricht in Holweide gehört aber auch das Bewusstsein,
dass eine ganze Reihe von Problemen nicht abschließend oder unbefriedigend
gelöst sind. So stellen sich immer wieder die Fragen nach einem
angemessenen Curriculum und nach angemessenen Methoden insbesondere
für die zieldifferent zu unterrichtenden Schüler und für
die Schüler mit dem Förderschwerpunkt der emotionalen und
sozialen Entwicklung und im Weiteren nach dem Verhältnis von sonderpädagischer
Förderung und allgemeinbildendem Unterricht. Auch die Frage nach
einer breiteren Einbeziehung insbesondere autistischer und schwer mehrfachbehinderter
Schüler wird immer wieder diskutiert. Es müssen auch sehr
häufig langwierige Auseinandersetzungen geführt werden, wenn
behinderungsspezifische Hilfsmittel oder Ausstattungsgegenstände
angeschafft werden müssen, und auch die formale Stellung der Lehrer
für Sonderpädagogik ist letztlich nicht befriedigend geklärt.
Dennoch lässt sich feststellen, dass der Gemeinsame Unterricht
ein integrierter Bestandteil des Unterrichts und des Schullebens an
der Gesamtschule ist. Es besteht ein starker Wunsch der Gesamtschulkollegen,
im GU zu arbeiten. Leider ist es aber bisher nicht gelungen, die Zahl
der GU-Klassen weiter zu erhöhen, obwohl eine starke Nachfrage
seitens der Schüler mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf
nach Plätzen in diesen Klassen besteht und obwohl genügend
Lehrer vorhanden sind, die diesbezüglich vielfältige Erfahrungen
und Kenntnisse haben und die den Unterricht in diesen Klassen als erstrebenswert
ansehen.
Ulrike
Niehues; Michael Schwager
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