Thomas Wieners, Wolfgang Keuchel und Ludger Deckers, Sonderpädagogen
in Köln
Seit dem Schuljahr 1986/87 werden an unserer Schule Kinder und Jugendliche mit Behinderung zusammen mit Schülerinnen und Schülern ohne Behinderung unterrichtet. Sie kommen in der Regel von der Peter-Petersen-Grundschule in Höhenhaus, in der seit 1980 ein Schulversuch zum gemeinsamen Unterricht in der Grundschule erfolgreich durchgeführt wird.
Die Schule - inzwischen zwanzig Jahre alt geworden - arbeitet von Beginn an
nach dem Team-Kleingruppen-Modell
(TKM). Das Team, eine Gruppe von Lehrerlnnen begleitet jeweils
drei von neun Klassen eines Jahrgangs insgesamt während der gesamten
Schullaufbahn in der Sekundarstufe 1. Es bildet eine eigene pädagogische
und organisatorische Einheit, praktisch eine kleine autonome Schule in dem
großen System der Gesamtschule, so daß sich zwischen den am pädagogischen
Prozeß Beteiligten enge Bezüge entwickeln können.Der
zweite Pfeiler des Modells ist die heterogene Tischgruppe,
in deren Rahmen innerhalb der Klasse die Schülerinnen neben dem reinen
Fachlernen auch das "Miteinander
- Leben und - Lernen" erfahren sollen. Eine äußere Fachleistungsdifferenzierung
findet nur in den Fächern Englisch (ab Klasse 7) und Mathematik (ab Klasse
9) und zwar in jeweils zwei Niveaus statt. Der Integrationsversuch an der
Gesamtschule Holweide hat sich auf der Grundlage dieser schon vorhandenen
Organisations- und Kooperationsstrukturen (Team und Kleingruppe) entwickelt.
Angefangen mit drei Integrationsklassen und sechs Schülerlnnen mit Behinderung im ersten Integrationsteam hat sich der Schulversuch in den vergangenen neun Jahren sehr schnell erweitert. Zur Zeit leben und lernen 103 Schülerinnen mit unterschiedlichen Behinderungen in 32 Klassen, betreut von 15 Teams der Schule und zwei Ober-stufenjahrgängen. Nach dem alten SAV haben wir erziehungsschwierige, lernbehinderte, körperbehinderte, geistigbehinderte sowie mehrfachbehinderte Schülerinnen und Schüler. Es gibt an der Schule in der Sekundarstufe 1 nur noch drei Teams, in denen keine Schülerinnen und Schüler mit Behinderung unterrichtet werden. Zu jedem Team gehört ein Sonderschullehrer.
Unter den derzeitigen Bedingungen können wir maximal zwei Drittel des Unterrichts doppelt besetzen, das heißt, daß zwei Kolleginnen und Kollegen (das können auch zwei Gesamtschullehrerinnen sein) gemeinsam den Unterricht vorbereiten und durchführen.
Das Spannende am gemeinsamen Unterricht ist, daß wir uns bis heute in einem permanenten Prozeß der Entwicklung befinden. Positive wie negative Erfahrungen, Fortschritte und Rückschläge, Erfolge und Enttäuschungen fordern immer wieder zum Nachdenken, Entwickeln und Handeln heraus.
So versuchen wir auch den Bereich der Berufs- und Lebensorientierung auf Grundlage eigener Erfahrungen aber auch in Kooperation mit anderen in dem Bereich Tätigen ständig weiterzuentwickeln
Grundlage unseres Berufsorientierungkonzepts war lange Jahre das sogenannte Bielefelder Modell. Hier erhalten die Schülerinnen und Schüler bereits in den Klassen 5 - 7 einen ersten Zugang zum Thema Berufsorientierung. Das Projekt "Was Vater und Mutter tagsüber tun" mit Betriebserkundungen sowie das Projekt "Traumberufe" erlauben einen kindgemäßen, handlungsorientierten und affektiven Zugang zum Thema, der sich auch im gemeinsamen Unterricht bewährt hat. Über die eher kognitiv orientierte Behandlung des Themas im Arbeitslehreunterricht, fächerübergreifende Projekte und Erkundungen konkretisiert sich die Berufsorientierung dann im Betriebspraktikum zum Ende des achten oder zu Beginn des neunten Schuljahres, um schließlich in Klasse 9 und 10 ganz gezielt auf den Übergang von der Schule in den Beruf vorzubereiten. Nur wenige Inhalte schulischen Lernens weisen einen derart engen Alltags- und damit lebenspraktischen Bezug auf, wie die Berufs- bzw. Zukunftsorientierung. Sie betrifft daher uneingeschränkt alle Schülerinnen und Schüler, die in Holweide gemeinsam unterrichtet werden. Im gemeinsamen Unterricht ergeben sich jedoch z. T. neue Aufgabenstellungen, die zu einer individualisierten Herangehensweise, und damit zu inhaltlichen wie strukturellen Erweiterungen und Veränderungen auf drei Ebenen geführt haben. Einige ausgewählte Beispiele werden im folgenden kurz dargestellt.
Beispiel 1: Vorbereitung auf das Betriebspraktikum
Das Thema: Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung wird im gemeinsamen Unterricht zum Thema allerGruppenmitglieder. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß Jugendliche ohne Behinderung sensibler werden in der Wahrnehmung eigener Teilleistungs-Störungen und so zu einem realistischeren Selbstbild bezogen auf ihre Schul- und Ausbildungswünsche finden.
Die Suche nach einem Praktikumsplatz soll den Eltern und ihren Kindern jedoch möglichst nicht abgenommen werden, Eigeninitiative wird jedoch beratend und praktisch unterstützt. Einzelne Schülerinnen und Schüler werden in der Vorbereitungsphase, im Praktikum selbst und in der Nachbereitung von Studentinnen oder Studenten der heilpädagogischen Fakultät in Form einer Arbeitsassistenz betreut.
Bei Bedarf werden Kleingruppen eingerichtet, in denen die individuellen Lernziele bezogen auf das Praktikum allgemein oder den speziellen Arbeitsplatz Einzelner verfolgt werden: Selbständigkeitstraining, Fahrtraining, sicheres Auftreten, sich vorstellen, "wenn ich mal nicht weiter weiß", Telefontraining... .
Beispiel 2, Projekt Berufswahl und Bewerbung:
In diesem Projekt wird von der Stellensuche über Bewerbung mit Lebenslauf, Berufseignungstest bis zum Vorstellungsgespräch die Arbeitsplatzsuche möglichst realitätsnah durchgespielt. Schülerinnen und Schüler mit Behinderung verfassen hier z. B. schriftliche Kurzbewerbungen für eine Praktikumsstelle. Die erworbenen Fähigkeiten aus der Unterrichtseinheit Lebenslauf oder der Vorbereitungsphase für das Betriebspraktikum können hier erweitert oder angewandt werden. Andere Jugendliche üben in dieser Phase unterschiedliche Formen der Selbstdarstellung und/oder des Sich-Vorstellens. Das Training von Testsituationen und das Vorstellungsgespräch lassen sich individuell gestalten, wobei die möglichst große Realitätsnähe (z. B. durch das Auftreten fremder Personen), das Projekt zu einem kontrollierten Belastungstraining machen. Für uns hat dieser Baustein neben dem starken Anwendungsbezug für die Schülerinnen und Schüler einen besonders hohen diagnostischen Wert.
Beispiel 1, zusätzliche Praktika:
Seit dem ersten Integrationsjahrgang haben wir Schülerinnen und Schülern mit Behinderung in den Jahrgängen 9 und 10 die Möglichkeit gegeben, sogenannte Langzeitpraktika zu machen. Das heißt, sie arbeiteten für mindestens drei Monate an einem festen Tag in der Woche in einem Betrieb ihrer Wahl oder unserer Empfehlung. In dieser Form haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich allmählich an die Anforderungen eines Arbeitsplatzes zu gewöhnen. Die regelmäßige Rückkehr in die vertraute Umgebung der Schule sowie die Möglichkeit, bei Bedarf über jeden Arbeitstag unmittelbar zu sprechen, wirken entlastend. Auf der anderen Seite haben wir die Beobachtung gemacht, daß das Bewußtsein, einmal in der Woche in der Erwachsenenwelt zu arbeiten, sich in der Regel positiv auf die Entwicklung der Persönlichkeit und das Selbstbewußtsein der Jugendlichen ausgewirkt hat. Durch die Möglichkeit, auf die Erfahrungen des ersten "Schnupper"-Praktikums zurückgreifen zu können und die intensive Begleitung z. B. auch im Rahmen des WP II-Kurses Berufskunde (s.u.) erhält dieses Praktikum eine größere Bedeutung im Bezug auf das Training berufs- und alltagsrelevanter Fähigkeiten und Fertigkeiten wie: Selbständigkeit, Selbstbewußtsein, realistische Selbsteinschätzung, Ausdauer, Umgang mit Mißerfolgen oder Unsicherheit, Beherrschen von Arbeitsabläufen, Kommunikation...
Nicht zuletzt hat diese Form des Praktikums dazu geführt, Betriebe für eine Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu interessieren, bzw. sich mit der Problematik auseinanderzusetzen. Für einzelne Schüler war das Langzeitpraktikum ein Test für ein weiteres Blockpraktikum im gleichen oder einem andern Betrieb in Klasse 10. Auch haben sich aus diesen Praktika schon Übernahmen im Rahmen eines Förderlehrganges ergeben. Die eben erwähnten zusätzlichen Blockpraktika bieten wir auch alternativ zum Langzeitpraktikum an, wenn wir der Meinung sind, daß im Einzelfall längere kontinuierlich Einarbeitungs- und Gewöhnungszeiten notwendig sind oder über die Woche zu viel vom Erlernten wieder verloren geht.
Beispiel 2: WP II -Unterricht Berufskunde
In den ersten Integrationsjahrgängen haben wir im Rahmen des zweiten Wahlpflichtfaches einen sogenannten Berufskundekurs mit wöchentlich drei Stunden eingerichtet, in den wir Schülerinnen und Schüler mit besonders hohem Förderbedarf empfohlen haben. Je nach Zusammensetzung hatten die Kurse ein enormes Spektrum an sehr individuell gestalteten Inhalten anzubieten. Es reichte vom Schreiben eines Lebenslaufes bis zum Erlesen von Signalwörtern, vom Erfassen des Zahlenraums bis 100 bis zu Wiederholungen aus dem Mathematikunterricht. Weitere Themen waren z. B.:
- Schreibmaschinenkurs
- Einführung in Grundlagen der Textverarbeitung
- Umgang mit Geld, vom Bezahlen bis zur Kontoführung
- Konzentrations- und Ausdauertraining
- Übungen und Rollenspiele zur Selbst- und Fremdwahrnehmung
- Herstellen eines Werkzeugkastens in arbeitsteiliger Werkstattarbeit, Wechsel von anspruchsvoller handwerklicher Arbeit und weniger motivierenden, sich wiederholenden Arbeitsgängen, phasenweise Übernahme von Planung und Organisation, Kontrollieren, Hilfe geben, kooperieren
- Umgang mit Hilfe und Hilfebedarf
- Austausch in der Gruppe über die Erfahrungen im Langzeitpraktikum
Dieser Kurs ist in den letzten beiden Jahrgängen jedoch nicht mehr eingerichtet worden, da die "Zwangszuweisung" kritisiert wurde, die dazu führte, daß Jugendliche mit Behinderung interessante Alternativen aus dem übrigen Wahlpflichtangebot nicht mehr wählen konnten. Insbesondere das relativ große Angebot an kreativen und handlungsorientierten Bereichen bietet in den Jahrgängen 9 und 10 noch einmal Chancen für einen gemeinsamen Unterricht.
An dieser Stelle wird deutlich, daß ein Berufsorientierungskonzept im gemeinsamen Unterricht nicht losgelöst von allen übrigen Bedingungsfaktoren einer Integrationsschule betrachtet werden kann. So war der nächste Entwicklungsschritt in der Berufsorientierung u. a. von Faktoren bestimmt, die nicht originär diesen Bereich betreffen: Im Laufe der Entwicklung unseres Schulversuches hat sich die Schülerschaft verändert. Die Anzahl der Jugendlichen mit schweren geistigen Behinderungen nahm zu. Auch Mehrfachbehinderungen hatten wir in den ersten Jahrgängen nicht. Wir stellten fest, daß der Anteil von Unterricht, in dem alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden, mit der Veränderung der Schülerpopulation abnahm. Es scheint mir jedoch zu kurz gegriffen, wenn wir diese Entwicklung zu mehr äußerer Leistungsdifferenzierung nur auf die Veränderung äußerer Bedingungen abwälzen. Realistischerweise müssen wir sehen, daß sich unsere Hoffnung, mit der Integration würde in der Sekundarstufe I eine Entwicklung zu mehr Handlungsorientierung, mehr fächerübergreifenden Angeboten, mehr Projektorientierung im Unterricht eingeleitet, nur in Ansätzen erfüllt hat. Klassischer, abschlußorientierter Fachunterricht in den oberen Klassen bietet aber zu wenig gemeinsame Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten.
Im Umfeld dieser "gesamtschulischen" Problematik entstand die Idee, für die Klassen 9 und 10 lebens- und zukunftsorientierte Projekte einzurichten, die parallel zum übrigen Fachunterricht laufen, ihn langfristig zum Teil ersetzen. Bevor ich auf diese Projekte näher eingehe, möchte ich kurz auf eine wichtige dritte Ebene der Veränderung eingehen.
Haben Jugendliche mit Behinderung in der Schule zehn bis elf Jahre lang gemeinsam mit Menschen ohne Behinderung gelebt und gelernt, wirken die absolut unbefriedigenden Zukunftschancen, Lebens- und Beschäftigungsmöglichkeiten besonders erschreckend. So hat das Berufsorientierungskonzept die vielleicht wichtigste Erweiterung durch die Einrichtung einer SozialpädagogInnenstelle mit dem Arbeitsschwerpunkt "außer- und nachschulische Integration" erfahren. Die Schwerpunkte der Arbeit sind: Beratung von Jugendlichen und ihren Eltern in den Klassen 8 - 10 (also vom Praktikum bis zum Abschluß und z. T. darüber hinaus), Beratung von Teamlehrerinnen und Teamlehrern, Kontakte mit Betrieben, Aufbau eines Netzwerkes mit möglichst vielen für die nachschulische Integration wichtigen Stellen, Institutionen und Verbänden, Konzeptentwicklung.
In der Phase der Berufsorientierung wird noch einmal die Behinderung für Jugendliche und ihre Eltern zum beherrschenden Thema. Enttäuschungen, Trauer und vermeintliche Ausweglosigkeit führen nicht selten zu Hilflosigkeit, Selbstzweifeln ("Hab ich in den letzten Jahren alles falsch gemacht?") bis hin zu Agonie. Beratung kann helfen, Mut zu machen, Ängste und Vorurteile zu nehmen und damit, ausgehend von einer realistischen Einschätzung der Situation, wieder Perspektiven zu öffnen. Nur wer Perspekiven vor Augen hat, kann aktiv werden und Initiative ergreifen.
Eigeninitiative ist Ziel der alle schulischen Maßnahmen zur Berufsorientierung begleitenden Beratungstätigkeit. So unterstützen wir z. B. beratend und z. T. ganz konkret (Üben von Vorstellungsgesprächen) die Praktikumsplatzsuche, stellen aber möglichst keine Plätze zur Verfügung.
Wir ermutigen Eltern und Jugendliche, z. B. sich selbst ein Bild von unterschiedlichen nachschulischen Einrichtungen zu machen, um selbstbewußt mit dem Arbeitsamt zusammenarbeiten zu können.
Neben der individuellen Beratung werden "peer - groups" angeboten, in denen Jugendliche die Möglichkeit haben, gemeinsam mit anderen "Betroffenen" Erfahrungen auszutauschen, sich zum Beispiel mit so schwierigen Themen wie dem eigenen Hilfebedarf oder dem Umgang mit Unsicherheiten auseinanderzusetzen, aber auch positive Erfahrungen zu verarbeiten und weiterzugeben. Wichtige Partner in dieser Phase sind die Teamlehrerinnen und Teamlehrer.
Der ständige Kontakt zu örtlichen Betrieben und zu den Praktikumsbetrieben, auch nach dem Praktikum selbst, ist wichtiger Bestandteil der Netzwerkarbeit. Wir versuchen so, Arbeitgeber zu interessieren, Vorbehalte abzubauen und zu ermutigen. Auf diese Weise ist manch erfolgreiches Praktikum eingeleitet worden und mancher Arbeitsplatz im Rahmen eines Förderlehrgangs für Jugendliche mit geistiger Behinderung eingerichtet worden. Zu erwähnen ist, daß diese Erweiterung der Förderlehrgänge für Jugendliche mit geistiger Behinderung nicht ohne die gute Kooperation mit dem Reha-Berater des Arbeitsamtes und den Trägern der Förderlehrgänge möglich gewesen wäre.
Nicht erst über die Förderlehrgänge entstanden die ersten Kontakte mit Berufsschulen, um das Problem der mangelnden oder fehlenden schulischen Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen mit geistiger Behinderung nach Abschluß der Klasse 10 an der Gesamtschule anzugehen. Mit den Jugendlichen in den Förderlehrgängen haben wir zwar "einen Fuß in der Tür", aber die Integration in den Berufsschulunterricht ist noch nicht befriedigend. In einem Fall hat die Einzelintegration einer Schülerin auch mit zum Abbruch der Maßnahme geführt. Mit zwei Berufsschulen sind wir zur Zeit im Gespräch über die Einrichtung einer Klasse oder Möglichkeiten der Einzel- oder Kleingruppenintegration in geplante vollzeitschulische Maßnahmen im Rahmen von Benachteiligtenprojekten. Wir haben in diesem Zusammenhang auch Kontakt zu einer WfB, die für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Unterricht anbietet.
Diese ganzheitlich orientierte Tätigkeit im Rahmen der Berufsorientierung (die für uns Lehrerinnen und Lehrer so nicht zu leisten wäre) wirkt natürlich auch wieder in die Schule zurück. So hat die Kooperation mit der "Integrationsberaterin" auch unseren Blick erweitert, verändert und gelenkt auf das hier und jetzt Notwendige und Machbare in Hinblick auf die außer- und nachschulische Integration. Diese Perspektivenerweiterung kam unserer zum Ende des vorigen Abschnitts angedeuteten Suche nach lebens- und zukunftsorientierten Projekten entgegen.
Neben den oben angedeuteten eher globalen Problemen einer inhaltlichen und organisatorischen Umstrukturierung des Unterrichts in den oberen Klassen der Sekundarstufe I hatten wir den Eindruck, daß unsere bisherigen Veränderungen und Ergänzungen des Berufsorientierungskonzeptes nicht mehr ausreichten, d. h. den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler in Hinblick auf eine Lebens- und Zukunftsorientierung nicht immer gerecht wurden. So stellten wir fest, daß auch zusätzliche Praktika z. T. in Langzeitform nicht unbedingt zu einer erhofften realistischeren Selbsteinschätzung bezogen auf die eigene berufliche Zukunft führten. Trotz unterrichtlicher Begleitung schien uns die Verbindung von Arbeit und Schule z. T. nicht ausreichend. Insbesondere für einige Jugendliche mit geistiger Behinderung hatten die Betriebspraktika zu wenig Ernstcharakter. Die SchülerInnen wurden liebevoll von Betriebsangehörigen betreut und hatten z. B. keine Verantwortung zu übernehmen. Auch die Möglichkeiten, berufs-, arbeits- oder lebenspraktisch relevante Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erwerben, erschien uns zu gering. Ohne Zweifel bleiben die Betriebspraktika ein ganz wichtiger Bestandteil unseres Konzepts, können aber nur einen Teil der notwendigen Lernziele abdecken. Auf die Problematik des sogenannten Berufskundekurses im Wahlpflichtbereich habe ich oben schon hingewiesen. Aus dieser hier nur angedeutete "defizitorientierten" Betrachtung der Situation entstand, ausgehend von eigenen positiven Erfahrungen projektorientierten Arbeitens und durch Anregungen anderer Integrationsschulen die Idee, ein Betriebsprojekt einzurichten. In einer ersten Phase formulierten wir wünschenswerte Lernziele und Schwerpunkte eines derartigen Projektes, von denen wir hier eine Auswahl vorstellen:
Lernziele und -bereiche eines geplanten Betriebsprojekts
Bedingungen und Schwerpunkte (aus denen sich jeweils wieder individuelle Ziele ableiten lassen)
Aufbauend auf die Lernerfahrungen, die einige Jugendliche bereits seit längerem in dem Unterrichtsangebot "Lebenspraktische Übungen" sammeln konnten, stand am Anfang zunächst die Absicht, eine Cafeteria für das Lehrerkollegium aufzubauen. Parallel dazu entstand durch den Wegfall der Planstelle unseres Schuldruckers die Idee, dieses personelle Vakuum zu nutzen, um mit einer Schülergruppe an einem Tag der Woche die Druckerei als Serviceangebot für die gesamte Schule zu betreiben. So bekam dieses zweite Projekt sehr rasch klare Konturen durch die vorgegebene Struktur und Einrichtung der bereits vorhandenen Druckwerkstatt.
Um die Projekte noch im Schuljahr 95/96 einrichten zu können, mußten wir parallel zur inhaltlichen und organisatorischen Planung der Betriebe die Belegschaft zusammenstellen. Dazu wurde eine vergleichende Tätigkeitsanalyse erstellt. Unter den vier Kategorien: Arbeitsorganisation, Betriebswirtschaft, Öffentlichkeit und Produktion stellten wir ein möglichst differenziertes Profil der voraussichtlich anfallenden Tätigkeiten und Anforderungen auf. Ein interessantes Ergebnis war, daß die Summe der gemeinsamen Anforderungen viel höher war als erwartet. Das läßt vermuten, daß die Chancen für Transfermöglichkeiten aus derartigen Betriebsprojekten in eine betriebliche Realität relativ hoch sind. Die daneben aber deutlich auftretenden Unterschiede im Anforderungsprofil zwischen einem Gastronomiebetrieb und einem technischen Dienstleistungsbetrieb wie der Druckerei waren eine wichtige Grundlage für die Auswahl unserer Belegschaft.
Obwohl nach wie vor als integrative Projekte gedacht, entschieden wir uns in der ersten Phase, nur Jugendliche mit Förderbedarf in die engere Wahl zu nehmen. Dabei spielten u. a. folgende Überlegungen eine Rolle:
Analog zur Tätigkeitsanalyse wurden Schüler/innenprofile erstellt. Alle Schülerinnen und Schüler des 9. und 10. Jahrgangs mit Förderbedarf wurden mit ihren individuellen Fähigkeiten, Fertigkeiten, Stärken und Schwächen vorgestellt. Außerdem wurden mögliche bzw. zu erstrebende Lern- und Abschlußziele beschrieben.
Das Abgleichen der Schülerprofile mit den Tätigkeitsprofilen der Betriebe konnte jedoch noch nicht alleinige Entscheidungsgrundlage sein. Weitere Faktoren waren zu berücksichtigen:
In dem sich so ergebenden komplexen Feld, sich zum Teil gegenseitig bedingender Faktoren wurde die Schüler/innenzuweisung selbst zu einem wichtigen Bedingungsfaktor für alle Gestaltungsmomente und die weitere Entwicklung der Projekte.
Zum Ende des Schuljahres war klar, daß die Cafeteria mit sechs, die Druckerei mit fünf Jugendlichen ihre Arbeit aufnehmen würde. Die Gruppen waren dabei erstaunlich und erfreulich heterogen geworden.
Im Verlauf der zahlreichen Konzeptionsgespräche veränderte sich die Planung für die Cafeteria dahingehend, daß wir den potentiellen Kundenkreis nicht auf die Lehrer beschränken, sondern das Angebot an alle Schülerinnen und Schüler der Schule richten wollten, um damit einerseits eine größere schulinterne Öffentlichkeit der Be-triebsprojekte zu erreichen und andererseits die Verkaufssituation für alle zu nutzen im Sinne der Schaffung neuer Begegnungs- und Auseindersetzungssituationen zwischen Schülern mit und ohne Behinderung. Diese Grundidee diskutierten wir sodann in den verschiedenen unmittelbar angesprochenen Gremien, wie dem Team der Berufsorientierungsbeauftragten und der Integrationskonferenz sowie auf Jahrgangsebene mit den Kolleginnen und Kollegen der beteiligten Jahrgänge während einer ganztägigen Kollegiumstagung. Dabei wurden kreative Ideen auf ihre Realisierbarkeit überprüft, Pläne im Detail konkretisiert (Zeitrahmen, Raumfrage, Finanzmittel, personelle Betreuung usw.) sowie erste Überlegungen zu den Schülerinnen und Schülern angestellt, für die ein solches Projekt in Frage kommen könnte. Alle diese Planungsschritte fanden statt in direkter Kooperation oder zumindest ständigem Austausch zwischen den verantwortlichen Kollegen beider Betriebsprojekte. In einem Gespräch mit der Schulaufsicht wurde uns spontan Unterstützung zugesagt und insgesamt 12 Lehrerwochenstunden als Sonderzuweisung für die personelle Betreuung der Projekte zur Verfügung gestellt.
Der Einstieg in die erste Realisierungsphase geschah zunächst sehr informell, d. h. es wurden bestehende Kontakte innerhalb der Schule genutzt, um den Arbeitsraum herzurichten, über den Hausmeister und durch Spenden Einrichtungsgegenstände zu besorgen, um finanzielle Mittel vom Förderverein der Schule zu erhalten usw.
Wir mußten aber schon bald erkennen, daß wir in der ersten Begeisterung am Anfang des neuen Schuljahres einige gravierende Fehler gemacht hatten, indem wir die offiziellen Entscheidungsgremien der Schule nicht ausreichend formal an dem Planungs- und Entscheidungsprozeß beteiligt hatten. So entstand zunächst einige Verwirrung, und die Realisierung des Projektstarts schien sich auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Dabei war von entscheidender Bedeutung, daß wir das Alleinverkaufsrecht des Mensapächters für Speisen und Getränke in seinem Kiosk nicht beachtet hatten. Wir suchten in einem Gespräch mit dem Mensapächter diesen Konflikt zu entschärfen und trafen bei ihm auf großes Verständnis für unsere Idee und die Ziele des Projektes.
Trotz seiner Bedenken bezüglich eventueller Umsatzeinbußen im Mensakiosk begegnete er uns mit einer unerwarteten Offenheit und der Bereitschaft, das Projekt nicht scheitern zu lassen. Deshalb konnten wir im Laufe des Gesprächs nach Wegen der direkten Kooperation mit der Mensa suchen, die er spontan aufgriff und unterstützte. So veränderte sich die Projektidee dahingehend, daß wir, bzw. die Schülergruppe, einen ambulanten Kioskverkauf in der "Schulstraße" (Eingangshalle der Schule) und vor dem Lehrerzimmer als Filiale des Mensakiosks organisieren. D. h., wir beziehen unsere Rohstoffe (Brötchen, Belag, Butter, Getränke) nach vorhergehender Bestellung von der Mensa zu einem reduzierten Einkaufspreis, bereiten die Brötchen in einem eigenen Arbeitsraum zu und bauen einen Verkaufsstand auf, an dem die Waren zum gleichen Preis wie am Mensakiosk angeboten werden.
Je nach Verkaufserfolg bleibt nach der Abrechnung mit der Mensa ein kleiner finanzieller Gewinn für die Projektkasse übrig. Das erwirtschaftete Geld investieren wir in den Kauf von Arbeitskleidung, Ausstattung des Verkaufsstandes oder gemeinsame Freizeitaktivitäten der Projektgruppe.
In diesem Prozeß der Veränderung unserer Projektidee fand durch die notwendige Zusammenarbeit mit der Mensa einerseits eine deutliche Zielreduktion statt (kein Café, sondern Kiosk), andererseits wurde das Profil der Arbeit stark geprägt in Richtung einer "Professionalisierung" durch die sozusagen vertraglichen Vereinbarungen und Verpflichtungen mit einem Großküchenbetrieb, die sich auch im Bewußtsein aller beteiligten Schülerinnen und Schüler widerspiegeln: "Herr St. (der Mensapächter) ist unser Chef!" Zugleich ergaben sich aus diesen Vereinbarungen auch erhebliche Vorteile für die praktische Durchführung des Projektes in dem begrenzten (zeitlichen) Rahmen, der uns zur Verfügung steht: Wareneinkauf (Bestellung und Abholung) findet direkt in der Schule statt, Lagerhaltung ist fast nicht notwendig, der Pächter bietet Hilfe an bei der Ausstattung des Arbeitsraumes und des Kioskstandes; es entstehen keine steuerlichen Probleme.
Die weitere Vorlaufphase bis zum Start des konkreten Kioskverkaufs wurde bestimmt durch Aufgaben, die mit der Erfüllung der Auflagen für einen regulären Küchenbetrieb in Zusammenhang standen: amtsärztliche Untersuchung im Gesundheitsamt, bauliche Veränderungen und Einrichtung des Arbeitsraumes, Beschaffung von Arbeitskleidung.
Aufgrund unserer mangelnden Erfahrung bei der Vorabplanung zog sich diese erste Phase über ca. 10 Wochen hin, in denen wir uns bereits regelmäßig wöchentlich mit der Schülergruppe trafen. Es war unser Ziel, möglichst viele vorbereitende Schritte mit den Schülern selbst zu tun: Fahrten zum Gesundheitsamt, Renovierung des Raumes, Plakatgestaltung für die Werbung, Rollenspiele zu Verkaufssituationen. Obwohl sich die meisten Schülerinnen und Schüler recht schnell mit dem Projekt identifizierten und ein starkes Wir-Gefühl in der Gruppe entwickelten, blieb es oft schwierig, die Erwartungen und die Motivation der Schülerinnen und Schüler über einen so langen Zeitraum zu strecken bis zur Eröffnung des Kiosks, die schließlich eine Erleichterung der Spannung und einen Auftrieb im Arbeitseifer brachte, der bis heute andauert.
Wir begleitenden Lehrer nutzten diese Zeit für Lobbyarbeit in den verschiedenen Schulgremien. Unser verändertes, differenzierteres Arbeitskonzept erwies seine Überzeugungskraft und öffnete uns Türen zu weiterer Unterstützung:
- Der Essensausschuß der Schulkonferenz begrüßte unsere Initiative und führte in der Schulkonferenz einen offiziellen Beschluß zur Unterstützung des Betriebsprojektes herbei.
- Der Förderverein signalisierte Bereitschaft zu finanzieller Hilfe in der Startphase.
- Die Schulleitung diskutierte das Projekt und erreichte bei der Schulverwaltung
die kurzfristige Genehmigung und, nach einem Ortstermin, auch die Realisierung
der baulichen Veränderungen im Arbeitsraum durch die Haushandwerker (Wasser-
und
Stromanschluß, Einbau einer Spüle mit Boiler).
- Das Teestuben-Team des Freizeitbereiches spendete uns Geld für den Kauf des Boilers.
So konnten wir im November 1995 mit dem Kioskverkauf beginnen.
Das zentrale Förderziel, das wir uns mit dem Unterrichtsangebot "Betriebsprojekt Schulstraßen - Kiosk" gesetzt haben, besteht in einer mehrdimensionalen Kompetenzerweiterung, die ebenso komplex wie für die einzelnen beteiligten Schülerinnen und Schüler differenziert formuliert werden muß. Die nachschulische und berufliche Integration der Schülerinnen und Schüler mit Behinderung steckt dabei den Rahmen für die Konkretisierung dieser Zielperspektive ebenso ab, wie die angestrebte, möglichst umfassende Selbstversorgung in einer zukünftigen Lebenssituation.
Folgende Dimensionen der Förderung sollen berücksichtigt werden:
* Sozial-kommunikative Kompetenz
* Förderung der Ich-Stärke
* Mathematisch-rechnerische Kompetenz
* Hauswirtschaftliche Kompetenz
* Betriebswirtschaftliche Kompetenz
Die mathematisch-rechnerische Kompetenz erweitert sich im handlungsorientierten Umgang mit Geld während der Verkaufssituationen und beim Erstellen der Tagesabrechnung. Die Gruppe setzt die Preise für die Waren in Absprache mit dem Mensakiosk fest. Sie schreiben die Preisschilder. Sie lesen die Preise in der korrekten DM-Pfennig-Aussprache und lernen dadurch die Bedeutung der Kommaschreibweise verstehen: Markbeträge stehen vor dem Komma, Pfennigbeträge stehen hinter dem Komma.
Sie üben die Benutzung des Taschenrechners beim Addieren der Preise und subtrahieren die Preise beim Berechnen des Wechselgeldes. Dabei taucht das besondere Problem der Erfassung und Addition der einzelnen Münzwerte auf, die sie nicht durch einfaches Zählen der Münzenanzahl bewältigen können. Das vor allem bei Jugendlichen mit geistiger Behinderung zu beobachtende Abzählen der konkret-veranschaulichenden Materialien im Rechenunterricht wird aufgebrochen. Der Förderung des Begreifens der Münzenwerte durch Zusammenstellen der Preise mit unterschiedlichen Münzstücken kommt dabei eine besondere Rolle im Mathematikunterricht zu, wenn diese Schwierigkeiten beim Herausgeben des Wechselgeldes in der konkreten Verkaufssituation unterrichtlich aufgegriffen und bearbeitet werden sollen. Darum suchen wir den informellen Austausch mit den jeweiligen Fachlehrerinnen und Fachlehrern über den Lern- und Leistungsstand der SchülerInnen. Es ist festzustellen, daß sich die Motivation einzelner Schüler in Bezug auf ihre Mitarbeit im Mathematikunterricht durch die praktisch erfahrbare Relevanz der Unterrichtsinhalte für ihre Tätigkeit in dem Kioskprojekt deutlich erhöht hat.
Für die Abrechnung der Kasse und die Bezahlung der Rohmaterialien in der Mensa entwickelten wir eigene Formulare, um diesen recht umfangreichen Aufgabenbereich zu strukturieren und so zu vereinfachen, daß auch die Schülerinnen und Schüler daran maßgeblich beteiligt werden können.
Die Erweiterung der hauswirtschaftlichen Kompetenz findet in vielfältiger Weise in den unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen der praktischen Arbeit statt: beim Abholen und Auspacken der Rohwaren, beim Zubereiten der Verkaufsprodukte, beim Zusammenstellen und Präsentieren der Waren am Verkaufsstand, bei der Ausgabe und dem Verpacken der Waren, beim Säubern der Arbeitswerkzeuge, beim Reinigen des Arbeitsraumes und der Arbeitskleidung. Die Schülerinnen und Schüler erwerben in ihrer Arbeit nicht nur praktische Fertigkeiten in der Handhabung der hauswirtschaftlichen Arbeitsgeräte, sondern gewinnen auch Einsicht in die Bedeutung und Notwendigkeit der Einhaltung von Hygienevorschriften, die immer wieder besprochen und in der direkten Umsetzung bewußt gemacht werden: eigene Körperpflege, saubere Arbeitsgeräte und saubere Arbeitskleidung, eigene Gesundheit, vorschriftsmäßige Lagerung der Waren. Die Reinigung der Arbeitskleidung in der schuleigenen Waschmaschine sowie das Bügeln und Falten der Kittel und Schürzen gehört ebenso zur Nachbereitung des Verkaufstages wie das Händewaschen und Haarebinden vor Beginn der gemeinsamen Arbeit.
Nicht zuletzt werden in den Gruppendiskussionen über unser Warenangebot bzw. dessen Erweiterung auch grundlegende Ernährungsaspekte thematisiert.
Eine besondere Bedeutung in Hinblick auf die berufliche Integration kommt dem betriebswirtschaftlichen Aspekt der Kompetenzenerweiterung zu, da er im herkömmlichen Unterricht nicht oder nur abstrakt-theoretisch behandelt wird. Die Schülerinnen und Schüler gewinnen durch ihre regelmäßigen Besuche in der Mensaküche und ihre Kontakte zu dem dort arbeitenden Personal einen Einblick in einen Großküchenbetrieb, der mittelfristig im Rahmen von Betriebs-praktika vertieft werden soll. Eine Bereitschaft des Mensapächters wurde bereits signalisiert.
Darüber hinaus spielt die Organisation der praktischen Arbeit im Vorbereitungsraum und am Verkaufsstand eine große Rolle im Rahmen der regelmäßig zu Beginn stattfindenden Arbeitsbesprechung und der am Schluß stattfindenden Reflexion des Arbeitstages. Dabei legen wir besonderen Wert auf die Absprache und Einhaltung von Zeiten (Arbeitszeit, Pausen) sowie auf die Planung der Arbeitsteilung, die in einer Rotation der verschiedenen Tätigkeiten jede/n an jeder Aufgabe im Wechsel beteiligen soll. Die Schülerinnen und Schüler erfahren und erkennen die Möglichkeiten und Grenzen ihre eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Konfrontation mit den verschiedenen Arbeitsanforderungen und in der Kooperation mit den Kolleginnen und Kollegen, die in unterschiedlichem Tempo und mit unterschiedlichem Geschick die einzelnen Arbeitsschritte ausführen und mit denen der anderen koordinieren müssen. (Siehe auch Abschnitt: Förderung der Ich-Stärke)
Schließlich stellt die Auseinandersetzung mit der Erfahrung von finanziellen Verlusten und Gewinnen einen nicht unerheblichen Aspekt dar. So muß bei der Bestellung der Rohwaren die Verkaufsmenge kalkuliert werden und die Frustration über nicht verkaufte Waren, die zu einem finanziellen Verlust bzw. reduzierten Gewinn für die Projektkasse führen, bewältigt werden , indem z. B. die übriggebliebenen Brötchen selbst verzehrt werden.
Einigen SchülerInnen gelingt es, die Arbeitsorganisation und den Ablauf eines Arbeitstages mit den Phasen der Planung, der Produktion, des Verkaufs, der Reinigung und der Abrechnung als Ganzes so zu begreifen, daß sie ihren eigenen Platz in dieser Struktur erfassen lernen und in zunehmenden Maße selbständig Verantwortung übernehmen und andere Mitschüler anleiten können. Die so entstehende Gruppenhierarchie soll von den anderen als Bestandteil einer realistischen Betriebsstruktur akzeptiert werden.
Die sozial-kommunikative Kompetenz wird in den verschiedenen Feldern der Interaktion gefördert: mit dem Küchenpersonal während der Bestellung und Materialabholung, mit der Küchenleitung während der Abrechnung, innerhalb der Arbeitsgruppe während der Planungsgespräche, der Zubereitungstätigkeiten und der Tagesreflexion sowie mit den Kunden während des Verkaufs.
Alle diese Kontakte finden unter begrenzten, für die beteiligten SchülerInnen überschaubaren Bedingungen statt: Sie sind regelmäßig wöchentlich wiederkehrend und nicht mehr fremd, sie sind dadurch für sie einschätzbar und deshalb schließlich weniger angsterzeugend als Situationen während eines Praktikums außerhalb der Schule. Somit schafft das Betriebsprojekt in gewisser Weise einen geschützten Raum, der dennoch realistischere Arbeitsbedingungen ermöglicht als herkömmliche Unterrichtsprojekte. Insofern ist das Betriebsprojekt eine Art Langzeit-Planspiel.
Das Zugehörigkeitsgefühl zum Küchenpersonal hat sich schnell eingestellt und die Akzeptanz des Küchenleiters als "unseren Chef" spielte von Anfang an eine große Rolle im Prozeß der Identifizierung als "Arbeitende". Die Ebene der Ansprache der Schüler und Schülerinnen auf einer von pädagogischen Formulierungen freien Ebene hilft den beteiligten Jugendlichen, andere in der Arbeitswelt übliche Kommunikationsmuster kennenzulernen und selbst auszuprobieren.
Ein wichtiges Erfahrungsfeld ist der Umgang mit Kritik als unmittelbare Rückmeldung auf ihr Handeln und Verhalten sowohl innerhalb der Arbeitsgruppe (Lob und Tadel der anderen Gruppenmitglieder) als auch von außerhalb an dem Verkaufsstand (Freude, Genuß oder Beschwerden der Kunden). Dabei vollziehen sich schwierige, zum Teil sehr komplexe Lernprozesse, die die Fremd- und Selbsteinschätzung der Jugendlichen so stark berühren, daß sie ein wichtiges Korrektiv auf dem Weg zu einer realistischeren Selbstwahrnehmung darstellen. Schließlich wird in diesen vielschichtigen Auseinandersetzungen mit sich selbst, den anderen Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung die Konfrontation mit der eigenen Behinderung zu einem zentralen Thema für alle Beteiligten, d. h. für die Arbeitsgruppe selbst wie auch für die Kunden.
Damit verwirklicht sich ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Ziel dieses spezifischen Betriebsprojektes: Wir streben durch das Hinaustreten in die Öffentlichkeit eine Förderung des Selbstkonzeptes an, indem wir die Auseinandersetzung mit der eigenen Person in der Gruppe der Jugendlichen mit Behinderung und in der Konfrontation mit den Personen, die die Schulöffentlichkeit darstellen, ermöglichen. Dies geschieht für die beteiligten Schülerinnen und Schüler in völlig anderen, neuen Situationskonstellationen als die gewohnten in der Klasse oder der Tischgruppe. Die Schülerinnen und Schüler ohne Behinderung treten den Jugendlichen mit Behinderung in neuen Rollen gegenüber, sprechen in veränderter Art und Weise miteinander, wollen etwas voneinander und müssen dies klar aushandeln, sehen und erleben die behinderten Mitschüler mit ihren Schwierigkeiten, ihrem Tempo, ihren Tätigkeitsformen, ihren Sprachbarrieren usw. Hier tut sich ein weites Feld für interessante psychosoziale Untersuchungen auf, die die Interaktionsprozesse und ihre Wirkungen auf Einstellungen oder Reaktionsverhalten beleuchten.
Schließlich resultiert aus den beschriebenen und bislang noch zu wenig ausgewerteten Erfahrungen der Jugendlichen eine Förderung der Ich-Stärke, die so im Klassenunterricht der höheren Jahrgänge unserer Schulform kaum noch zu ermöglichen ist.
Die Erfolgserlebnisse in der Arbeit durch die Verkaufsbilanz am Ende eines Tages schafft hohe Motivation für das gemeinsame, aber auch das Tun jedes einzelnen. Sie führen zu einer Identifikation mit dem Projekt und dem Unternehmen der Gruppe, was zu einer Stärkung des Wir-Gefühls führt, an dem jeder durch seinen individuellen Beitrag, der begrenzt, aber anerkannt ist, partizipiert.
Nach kurzen Beschreibungen der unmittelbar die Druckerei betreffenden Rahmenbedingungen soll dieses Projekt anhand der exemplarischen Sequenz eines Arbeitstages dargestellt werden. Wir wollen so einen anschaulichen Einblick geben in die Strukturen des vielschichtigen komplexen Handlungs-, Lern-, Erfahrungs-, auch Konfliktfeldes eines scheinbar einfachen Betriebsablaufes in einem solchen Projekt sowie die handelnden Personen in Ihrem Tun vorstellen. (Fotos)
Dem Schulverwaltungsamt, der Schulleitung, der Schulaufsicht sowie dem Kollegium wurde ein Konzept für das Druckereiprojekt vorgelegt.
In Verhandlungen mit dem Schulverwaltungsamt erreichten wir, daß wir an einem Tag in der Woche die schuleigene Druckerei betreiben durften, nachdem unser Drucker in Pension gegangen war. Einzige Bedingung war, daß wir nach dem ersten halben Jahr einen Erfahrungsbericht vorlegen und mit der Verwaltungsleiterin in Kontakt bleiben. Im Gegenzug boten wir an, die vierzehntägig erscheinende Kollegiumszeitung (Auflage 280 Exemplare, ca. 20 bis 30 Seiten) zu drucken, zusammenzulegen, zu heften und zu verteilen. Seit der "Betriebseröffnung" unterstützt das Schulverwaltungsamt unsere Arbeit sehr kooperativ.
Die Schulaufsicht stimmte dem Projekt zu. Wir erhielten sogar zusätzliche Stunden aus Rundungsgewinnen für die Entwicklung und Durchführung derartiger berufsorientierender Projekte.
Die Schulleitung stimmte dem Projekt zu, regte jedoch eine Beratung und Zustimmung der Gesamtkonferenz an. Da die Kolleginnen und Kollegen nach der Pensionierung des Druckers ihre Materialien zum größten Teil selbst gedruckt hatten und jederzeit Zugang zur Druckerei hatten, mußten sie erst von der Sinnhaftigkeit des Projekts überzeugt werden, denn am Projekttag sollte es in der Druckerei keine Selbstbedienung geben. Die LehrerInnenkonferenz stimmte zwar zu, es dauerte jedoch eine Weile und kostete manche Anstrengung, bis sich die zunächst so genannte "Druckerei Mittwoch" als Servicebetrieb etabliert hatte.
Eine wichtige Aufgabe der Vorbereitung war die vorläufige Gestaltung des Arbeitsplatzes. Die Druckerei war seit Bestehen der Schule ein Einmannbetrieb, in dem sich neben der sehr individuellen Arbeitsplatzgestaltung eine Menge Überflüssiges an Material, Apparaten und Möbeln angesammelt hatte. Mit Unterstützung der Hausverwaltung ist der Raum jetzt klar und offen gegliedert, alles Überflüssige ist entsorgt, wir haben eigene Schränke. Folgende Maschinen und Geräte stehen uns zur Verfügung: eine Siebdruckmaschine, ein Rüttler, eine Schneidemaschine, eine alte Heftmaschine, Tacker und Locher. Außerdem benutzen wir eine alte Falzmaschine, deren Wartung und Reparatur jedoch unsere Sache ist, da sie nicht mehr zum Bestand gehört. Die Verbrauchsmaterialien fürs Drucken besorgt die Verwaltung.
Aus Spendengeldern wurde eine Maschine angeschafft, mit der wir Hefte mit Kunstoffbinderücken versehen können. In Eigenbau entstanden einfache Pressen für Leimbindungen (Lumbecken), sowie Hilfsmittel mit Führungsschienen zum Lochen und Heften. Die Verbrauchsmaterialien für die Bindearbeiten und den speziellen Hefter bestellen wir selber beim Großhandel und bezahlen sie aus unseren Umsätzen.
Seit Beginn des Schuljahres 95/96 betreiben drei Mitarbeiterinnen (Helga, Tanja, Manuela) und zwei Mitarbeiter (Volker, Daniel) gemeinsam mit einem Lehrer jeden Mittwoch die Druckerei. Wir drucken Unterrichtsmaterialien für Lehrerinnen und Lehrer und drucken für die Verwaltung. Außerdem stellen wir die 14tägig erscheinende Schulzeitung her und übernehmen die Verteilung. Unterrichtsmaterialien sortieren und heften wir gegen Berechnung. Wir stellen Hefte und Broschüren mit Kunsttoffbinderücken oder im Lumbeckverfahren (Leimbindung) her und produzieren Abreißblocks. Auch diese Leistungen lassen wir uns bezahlen.
Damit wir diesen Service anbieten und aufrecht erhalten können, müssen wir die Maschinen und Geräte warten können. Wir führen Buch über alle Aufträge. Wir führen ein Konto, akzeptieren aber auch Barzahlung.
Um dem Projekt möglichst viel Realitätsnähe zu geben, war bzw. ist es nötig, daß es sich nicht nur inhaltlich, sondern auch formal vom Unterrichtsbetrieb abhebt. So sind die Anfangs-, End- und Pausenzeiten nicht identisch mit Unterrichtsanfang und -ende. Der Arbeitstag beginnt um 9.00 h und endet um 15.30 h (Unterricht 8.15 h - 16.15 h). Frühstücks- und Mittagspause sind insgesamt etwas kürzer als die der Mitschüler/innen und liegen etwas versetzt, so daß für die Drucker/innen die Uhrzeit und nicht der Gong maßgebend ist, sie trotzdem aber die Möglichkeit haben, sich mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern zu treffen. Weder vor noch nach der Arbeitszeit besuchen die Jugendlichen den Klassenunterricht.
Alle Mitarbeiter tragen einheitlich graue Arbeitskittel. Dies war einigen zunächst unangenehm bis peinlich, ist inzwischen aber selbstverständlich. In dem Maß, in dem sich die Jugendlichen mit ihrer Arbeit und dem Betrieb identifiziert haben, ist der Kittel zu einem Symbol des Andersseins geworden. "Ich bin Arbeiter, ich habe eine wichtige Funktion, ich bin erwachsen".
Eine weitere wichtige "Äußerlichkeit", die viel zur Identifikation der Mitarbeiter/innen mit ihrem Betrieb beigetragen hat, ist der Name. Die Gruppe gab ihrem Betrieb den Namen PRINT-TEAM, und wir haben ein Logo entwickelt.
Die Arbeit beginnt absolut pünktlich, schon damit unterscheiden wir uns von den meisten Unterrichtsstunden, und das ist für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter inzwischen selbstverständlich. Mit Daniel habe ich allerdings, nachdem er mehrmals blau gemacht hatte, erst einen Arbeitsvertrag schließen müssen, in dem ihm bei Wiederholung Entlassung angedroht wird.
Wie an jedem Arbeitstag beginnen wir mit der Besprechung. Manuela stellt das aktuelle Datum auf dem großen Kalender ein. Die Schulzeitung steht diese Woche nicht an.
Volker berichtet, daß bis jetzt nur fünf Druckaufträge vorliegen. Erfahrungsgemäß kommen im Lauf des Tages aber noch etliche dazu. Im Fach "Zusammenlegen und Heften" liegt noch ein Großauftrag vom Chor, der heute erledigt werden muß. Von der ca. 100 Seiten starken Broschüre des Integrationstages in Köln sind noch etwa 80 Stück fertigzustellen (Kunstoffbinderücken). Außerdem müssen wir an unserer Selbstdarstellung weiterarbeiten, einem Plakat mit Fotos, die mit Text versehen werden müssen. Das ist uns zur Zeit wichtiger, als weitere Abreißblocks herzustellen. Manuela weiß, daß wir auch noch welche auf Lager haben. Dringend muß heute auch jemand zur Bank, um Kontoauszüge zu holen. Bei der Arbeitseinteilung müssen wir immer berücksichtigen, daß eine/r für Sofortaufträge zur Verfügung steht. Inzwischen sind wir so sicher geworden, daß wir auch diesen Service anbieten können. Bevor wir die Verteilung der Arbeiten vornehmen, lasse ich Daniel, er ist der einzige, der sicher lesen kann, einen Brief an das PRINT-TEAM vorlesen. Es handelt sich um eine Reklamation. Wir haben einen Fehler bei der Rechnungserstellung gemacht.
Damit ist der erste Job verteilt. Da Volker die Rechnung abgezeichnet hat, muß er sich zähneknirschend an die Korrektur machen. Das fällt ihm sehr schwer, da er beim Rechnen auf den Taschenrechner angewiesen ist und er den Rechengang zum Erstellen einer Rechnung noch nicht sicher beherrscht. Danach soll er an der Integrationsbroschüre weiterarbeiten, da er das Verfahren am sichersten beherrscht und wir etwas in Termindruck sind.
Da die bisher vorliegenden Druckaufträge alle einseitig zu drucken sind, wird Helga zunächst zum Drucken eingeteilt. Das macht sie übrigens am liebsten. Volker, der gleich nebenan arbeitet, ist bei Problemen für sie zuständig.
Manuela, Daniel und Tanja übernehmen den Sortier- und Heftauftrag für den Chor. Tanja ist daneben für Sofortaufträge zuständig, Daniel für die Kasse.
Nach der Frühstückspause werden wir noch einmal eine kurze Besprechung machen, um die übrigen Jobs (Selbstdarstellung, Bank, Buchführung) und das, was im Laufe des Vormittags noch an Bestellungen eintrifft, zu verteilen.
Fast während der gesamten Besprechung hat Tanja wieder zusammengekauert auf ihrem Stuhl gesessen, die Arme zwischen die Beine geklemmt. Wenn sie angesprochen wurde, hat sie lächelnd den Kopf weggedreht und sich noch mehr verkrochen. Erst gegen Ende der Besprechung wird sie wieder "warm", und bei der Arbeitsverteilung signalisiert sie schon deutlich, ob sie einverstanden ist oder nicht.
Das Sortieren findet in einem anderen Raum statt. Daniel übernimmt sofort die Führung in der Sortier- und Heftgruppe, wobei er immer noch Schwierigkeiten hat, die anderen bei der Organisation teilhaben zu lassen. Er macht das, erklären ist nicht sein Ding. Genauso schnell, wie er durchstartet und mit höchstem Tempo arbeitet, steigt er aber auch zwischendurch aus, weil er einfach nicht mehr kann. Da ist Manuela in vielem zuverlässiger, aber sehr, sehr vorsichtig und unsicher. Sie überlegt erst fünfmal, ob das, was sie macht, wohl richtig ist. Hat sie etwas verstanden, ist sie eine gute "Vorarbeiterin". Tanja arbeitet auch lieber sofort drauf los. Im Arbeitsprozeß ist sie nicht wiederzuerkennen. Konzentriert und mit viel Eifer ist sie bei der Sache, muß aber genau eingewiesen sein, weil sie sonst schnell, konzentriert und mit viel Eifer falsch vorgeht. Die drei brauchen also etwas Einstiegshilfe von mir, dann läuft die Sache alleine. Die Gruppe entscheidet selbst, wer wann mit Heften dran ist. Die Exemplare müssen dazu nämlich wieder in die Druckerei zur Heftmaschine gebracht werden. Das Zusammenlegen selbst ist nicht gerade der beliebteste Job, hat aber den Vorteil, daß er sehr kommunikativ ist. Das hat nicht nur Entlastungsfunktion und zeigt, daß gemeinsames Arbeiten auch Spaß machen kann, sondern wirkt ganz stark gruppenstabilisierend. Daniel, der sich zunächst allen in der Gruppe weit überlegen fühlte, den emotional wie intellektuell sicher Welten von Helga und Tanja trennen, konnte in dieser gleichberechtigten Arbeitssituation, die von allen als notwendig und sinnvoll angesehen wurde, u. a. durch die Vermittlung durch Manuela auch mit Tanja kommunizieren.
Helga steht inzwischen an der Druckmaschine und bearbeitet ihren ersten Auftrag. Sie hat den Auftrag mit den Druckvorlagen aus dem entsprechenden Körbchen genommem, das Formular auf einem Klemmbrett befestigt, das hinter der Druckmaschine steht, und die Vorlagen an den richtigen Platz auf der Maschine gelegt. Für Helga muß alles sehr deutlich, klar und einfach strukturiert sein. Dann ist sie in der Lage, einen Arbeitsablauf selbständig durchzuführen. Inzwischen hat sie es gelernt, um Hilfe zu rufen, wenn sie nicht weiter weiß oder etwas Unvorhergesehenes passiert. Helga legt jetzt also nacheinander die Druckvorlagen ein, gibt die Auflagenhöhe ein, entnimmt die fertigen Exemplare, legt sie in den Rüttler und legt sie so aufeinander, daß die einzelnen Seiten jeweils über Eck liegen. Zum Schluß legt sie die Vorlagen auf den Stapel und schreibt einen Lieferschein. Auf dem Lieferschein, den ich vom Layout her genauso wie das Auftragsformular gestaltet habe, muß sie den Namen des Auftraggebers und die Auflagenhöhe übertragen, das aktuelle Datum eintragen und ihn dann unterschreiben. Sie bringt den fertigen Stapel in das Auslieferungsregal und nimmt sich den nächsten Druckauftrag, nicht ohne sich am Spiegel zwischendurch zuzulachen (Anmerkung: Helga liest nicht, was sie schreibt, nur die Zahlen und das Datum).
Während des nächsten Drucks geht ihr das Papier aus. Sie erkennt diese Meldung der Maschine und legt selbständig neues Papier nach.
In der Zwischenzeit hat Volker seinen Arbeitsplatz eingerichtet und mit seiner Bindearbeit begonnen. Hier ist er absolut selbständig, arbeitet mit Übersicht und Sorgfalt. Da die Maschine nur etwa 20 Blätter auf einmal stanzen kann, muß jedes Exemplar der Broschüre in etwa fünf Abschnitten gestanzt werden. Volker hat es sich angewöhnt, etwa zehn Exemplare zu stanzen, um sie dann nacheinander zu binden. Während Helga selbständig druckt, habe ich die Möglichkeit, ihm beim Erstellen der neuen Rechnung zu helfen. Die Rechnerei ist eine Tortur für ihn. Das Schreiben der Rechnung erledigt er selbständig, wenn auch sehr, sehr langsam. Das Lesen ist so schwer. Endlich kann er weiter binden.
Helga meldet sich. Die Maschine setzt aus, und sie kann die Fehlermeldung nicht identifizieren. Volker unterbricht seine Arbeit, erkennt das Problem und wechselt die Farbpatrone aus.
Aus dem Sortierraum klingt lautes Lachen herüber. Die drei sind fertig, aber keiner hat daran gedacht, den Auftrag mit einem Lieferschein zu versehen und damit abzuschließen. Es ist ja auch schon 10.25 Uhr. Die Arbeit muß aber vor der Pause noch abgeschlossen werden. Manuela übernimmt das ungefragt, obwohl sie die schriftlichen Arbeiten nicht mit links macht. Sie ist neben Volker diejenige mit dem größten Einsatz und Verantwortungsgefühl.
Im Lauf der ersten 11/2 Stunden sind einige neue Druckaufträge eingegangen. Zum Teil Terminsachen, die bis mittags fertig sein sollen. Na, das kann ja heiter werden! Helga versichert mir beim Rausgehen wieder mehrmals, daß sie pünktlich nach der Pause kommt.
!Ach ja, sie hat bisher kein einziges mal nach ihrem Taxi gefragt!
Wenn wir den Betrieb, wie er nach ca. einem Jahr läuft, mit der ursprünglichen Planung vergleichen, so sind relativ wenig Abweichungen festzustellen. Die Arbeitsbereiche Lagerhaltung und Bestellung spielen leider nicht die geplante Rolle. Bis auf die Materialien für die Bindearbeiten wird alles über die Verwaltung besorgt. Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltung sowie deren Unterstützung unserer Arbeit ist ausgezeichnet.
Stärker noch als erwartet mußten Arbeitsplatz und Materialien mitarbeitergerecht verändert werden. Dabei ist es interessant zu entdecken, daß manche Ideen, wie die Vereinfachung und Vereinheitlichung von Formularen, allen Mitarbeitern und Kunden entgegenkommen. Das gilt auch für ergonomische Veränderungen und Hilfsmittel. Ein integratives Mitarbeiterteam fordert zum Nachdenken über Strukturen am Arbeitsplatz heraus und kann Innovationen anregen, die allen zu Gute kommen und damit letztlich auch der Produktivität.
Größere Bedeutung als erwartet haben die versteckten "mit-laufenden" Lernziele erhalten. Derart positive Gruppenprozesse, die Steigerung von sozialer Kompetenz, deutlich zu beobachtende Persönlichkeitsentwicklung zu mehr Selbstbewußtsein und Selbständigkeit haben wir in der Form nicht erwartet. Gleiches gilt für die hohe Motivation, sich auf neue Aufgaben einzulassen und Schwieriges auszuprobieren bis hin zu dem Wunsch, ein Praktikum in einer Druckerei zu absolvieren.
Noch nicht optimal klappt die Kooperation mit den Fachlehrerinnen und Fachlehrern der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Aufgreifen von Lernwünschen, die sich im Betrieb ergeben, kann noch verbessert werden.
Es gibt wenig andere schulische Projekte, in denen derart kontinuierlich, ganzheitlich und praxisorientiert gearbeitet und gelernt wird. Die Schülerinnen und Schüler lernen nicht nur die vielfältigen Arbeitsbereiche und Strukturen der Betriebe kennen, erwerben sogenannte Grundfertigkeiten und Arbeitstugenden, sondern können ein hohes Maß an lebenspraktischer Kompetenz erwerben. Das geht von der zeitlichen Einteilung des Tagesablaufes, über Verhalten im Straßenverkehr, kommunikative Kompetenz im Umgang mit Fremden (Kunden, Lieferanten), Telefonieren, Durchstehen von Streßsituationen, Verantwortung übernehmen bis hin zur Kontoführung. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, daß die Mitarbeit in den Projekten zum Teil positive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung haben. Schülerinnen und Schüler haben an Selbstbewußtsein gewonnen, und dies, obwohl sie zuweilen recht hart ihre Grenzen erfahren und diese auch thematisiert werden. In einer Gruppe, in der dieser Erkenntnisprozeß psychosozial aufgefangen wird, kann die/der Betroffene jedoch dazu stehen und so zu einer realistischeren Selbsteinschätzung ohne Minderwertigkeitsgefühl finden.
Eine wichtige Grundlage für alle positiven Erfahrungen des ersten Jahres ist ohne Zweifel die hohe Motivation, die von der Mitarbeit in den Projekten ausgeht. Denn die Jugendlichen erfahren hier, daß ihr Betrieb, mit dem sie sich identifizieren, auf ihre Mitarbeit und ihren Einsatz angewiesen ist, um anerkannt zu werden und erfolgreich zu sein, und das heißt nicht zuletzt auch, wirtschaftlichen Gewinn zu machen. Die von einigen Jugendlichen erkannte Zukunftsbedeutung der Arbeit wirkt zusätzlich motivierend. Diese Motivation geht zum Teil über die Arbeit im Betrieb hinaus. Der Wunsch, noch einmal ein Praktikum zu machen oder erkannte Defizite aufzuarbeiten, sind Beispiele dafür. Es muß allerdings erwähnt werden, daß die Ver-bindung zwischen Betriebsprojekten und Unterricht noch nicht optimal funktioniert.
Ein weiteres Beispiel für das "Darüberhinauswirken" ist die enge Verzahnung mit der oben erwähnten schulinternen psychosozialen Beratung zu Fragen der außer- und nachschulischen Integration, die wiederum eng mit zahlreichen nachschulischen Maßnahmen und Einrichtungen kooperiert. Hier zeigt sich eine zusätzliche diagnostische Dimension der Projekte, die einerseits für die schulinterne Beratung, andererseits für differenzierte Darstellungen von berufs- und alltagsrelevanten Fähigkeiten nach außen von Bedeutung sind.
Die Betriebsprojekte müssen immer als Teil eines ganzheitlichen Konzepts von Bildung und Berufsorientierung gesehen werden, in dem durch permanenten Informationsfluß zwischen allen beteiligten Personen Entwicklungschancen und -fortschritte im rechten Moment erkannt werden und angemessene Fördermaßnahmen eingeleitet oder von den Betroffenen selbst eingefordert werden können. Betriebsprojekte sollten in der Zukunft Teil des Gesamtkonzepts für einen Projektunterricht für alle Schüler der Klassen 9 und 10 sein. Wir haben einen Anfang gemacht.
Kontaktadresse:
Thomas M. Wieners
(ist seit August 2000 stellv. Schulleiter einer SfLb in Brühl)
Ludger Deckers
Wolfgang Keuchel
(arbeitet seit August 2000 an der GE Hennef)
Gesamtschule Köln-Holweide
Burwiesenstr. 125
51067 Köln
Tel : 0221/693091
Fax: 0221/697847